Arcella gandalfi

Ein Hut, ein Stock, eine Mikrobe

Heute ist der 22. September, ein bedeutungsträchtiger Tag für alle Fans der Werke von John Ronald Reuel Tolkien. Genau an diesem Tag, dem 22. September 3001 des dritten Zeitalters feiert in der Der Herr der Ringe Trilogie ein ganz besonderer Hobbit ein bedeutsames Geburtstagsfest. Bilbo Beutlin wird an diesem Tag 111 Jahre alt, auch für einen Hobbit ein wahrlich stattliches Alter. Sein adoptierter Neffe Frodo feiert seinen 33. Geburtstag und erreicht damit das Erwachsenenalter. Am Ende des Abends wird Bilbo verschwunden sein und Frodo im Besitz eines Schmuckstücks, das den Lauf der Welt verändern wird. Mit seinem Erbstück im Gepäck wird Frodo auf eine Reise aufbrechen, auf der er Gefährten aus aller Herren Länder gewinnen und auch wieder verlieren wird. Mit seinem Freund und Gärtner Samwise an der Seite wird er unter widrigsten Bedingungen durch dunkle Lande reisen, sein Leben und seinen Verstand riskieren und unter Leitung der Kreatur Gollum den Schicksalsberg erreichen. Seine und die Heldentaten seiner Gefährten werden den Lauf der Welt verändern und zum Fall Saurons führen. In Anbetracht der zeitlichen Einschränkung einer Podcastfolge werde ich euch hier nicht die Geschehnisse zusammenfassen, die auf Bilbos Geburtstagsfeier folgen. Wen das interessiert, der muss selbst die Bücher in die Hand nehmen oder meinetwegen auch die Filme anwerfen. Nur so viel möchte ich sagen, im Laufe der Geschichte spielt ein ganz in grau gekleideter Zauberer eine wichtige Rolle: Gandalf, der Graue, der die Gefährten am Beginn ihrer Reise leitet, mit einem Balrog in die Schatten der Minen von Moria stürzen und als Gandalf, der Weiße nach Mittelerde zurückkehren wird. Als einer der Istari nach Mittelerde gesandt ist Gandalf ein mächtiger Magier, der Schutzpatron des dritten Zeitalters und eine der bedeutendsten Figuren der Der Herr der Ringe Trilogie.

Man sagt Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ja oft nach, dass die Nerds seien. In meinem Fall stimmt das und in dem Fall, den wir heute behandeln wollen offensichtlich auch. Arcella gandalfi, der Name der Mikrobe, um die es heute gehen soll, leitet sich nämlich tatsächlich vom Namen des großen Zauberers Gandalf aus den Romanen von J. R. R. Tolkien ab. Jetzt fragt ihr euch sicher – zu recht – welche Zauberkräfte diese Mikrobe hat, welche Macht oder besondere Weisheit Forschungsgruppen dazu inspirieren, einer Mikrobe einen solch bedeutungsschwangeren Namen zu verleihen. Und wieder einmal muss ich euch leider enttäuschen - der Grund für die besondere Benennung ist nämlich ein viel offensichtlicherer – aber dazu kommen wir später.

Zunächst möchte ich euch erstmal ein bisschen Hintergrund zu Arcella gandalfi geben. Arcella gandalfi gehört zu den Amöben. Diese haben wir schon in der Folge zu Chaos chaos kennengelernt. Chaos gehörte ebenfalls zu den Amöben, war aber mit mehreren Millimetern einer der größeren Vertreter dieser Gruppe. Vielleicht erinnert sich der ein oder andere daran, dass die Amöben keine einheitliche taxonomische Gruppe von Organismen sind. Vielmehr kommen sie in verschiedenen evolutionären Linien innerhalb der Domäne der Eukaryonten, also der Lebewesen mit Zellkern vor. Während die Amöben also nicht alle miteinander verwandt sind, gibt es doch einige Gemeinsamkeiten, die alle amöboiden Lebensformen teilen. Was die Amöben vor allem auszeichnet, ist das Fehlen einer festen Körperform. Das Wort Amöbe leitet sich vom griechischen Wort für „Wandel“ oder „Wechsel“ ab. Auf Deutsch werden die Amöben deshalb häufig als Wechseltierchen bezeichnet.

Als Wechseltierchen mit so einer weichen, veränderbaren Körperform ist so eine Amöbe in ihren natürlichen Lebensräumen, bei denen es sich meist um Süßwasservorkommen handelt, aber auch einem besonderen Risiko ausgesetzt. Umweltbedingungen setzen ihnen sehr schnell zu und auch Räuber, die es auf Amöben abgesehen haben, haben natürlich keine Schwierigkeiten an ihre Beute zu gelangen. Deshalb haben sich manche Amöben etwas ganz Besonderes ausgedacht. Um sich vor der Außenwelt zu schützen, haben sie sich eine Art Panzer zugelegt, sich sozusagen beschalt. Ihre Schale besteht meist aus selbst produziertem organischen Material. Manche Amöben gehen sogar so weit, dass sie ihre Schale mit Sedimentpartikeln oder den Panzern kleiner Krebstiere dekorieren. Die Schale nennt man auch Testa, ein Begriff, der sich von der lateinischen Bezeichnung für Tonkrüge ableiten lässt. Tatsächlich hat die Schale noch mehr mit Tonkrügen gemeinsam als den Namen. So wie wir auch heute noch Tonkrüge in alten Ausgrabungsstätten finden, dienen auch die Schalen der Amöben als uralte Zeugnisse vergangener Erdzeitalter. Die Stabilität der Testa, die die darin befindlichen Amöben schützt, sorgt nämlich auch dafür, dass sie über den Tod ihres Bewohners hinaus besteht. Als vasenförmige Mikrofossilien tauchen auch heute noch Schalen auf, die denen der Amöben und vor allem der Arcellinida sehr ähneln. Die ältesten von ihnen entstammen dem Grand Canyon und ihr Alter wird auf etwa 736 und 748 Millionen Jahre geschätzt. Wie die Tonkrüge in Ausgrabungsstätten können uns also auch die Mikrofossilien wertvolle Hinweise darauf geben, wie vergangenes Leben auf der Erde ausgesehen haben könnte. Nur eben auf einer etwas anderen Zeitskala.

Jetzt sprechen wir aber nicht über irgendwelche Amöben und auch nicht über irgendwelche beschalten Amöben, sondern über eine ganz bestimmte Art: Arcella gandalfi. Die Gattung Arcella wurde bereits 1832 von Christian Gottfried Ehrenberg beschrieben. Arcella bedeutet dabei so viel wie Kiste oder Schächtelchen und bezieht sich auf die Schale, die die Amöben beschützt. Noch schöner finde ich persönlich allerdings die Bezeichnung als Uhrgläschen oder Uhrglastierchen. Diese zeichnet doch ein schöneres Bild von der Uhrglasartig-gewölbten Schale, die die Amöben der Gattung Arcella umgibt. Ich verlinke auch ein Bild in der Folgenbeschreibung, für mich sieht Arcella am ehesten aus wie eine kleine Qualle. Tatsächlich ist die Schale – zumindest bei jungen Amöben – auch annähernd durchsichtig. Erst mit zunehmendem Alter verfärbt sich die Testa durch Einlagerung von Mangan- und Eisenverbindungen gelblich oder bräunlich.

Bei Amöben der Gattung Arcella ist die Schale vor allem aus organischem Material zusammengebaut und nur von den Amöben selbst produziert – sie schmücken sich also nicht mit fremden Federn. Viel mehr bauen sie kleine Meisterwerke aus hexagonalen Platten zusammen. Die Wabenstruktur kann man in Mikroskopiebildern auch noch deutlich erkennen. Und wo wir jetzt schon bei Meisterwerken der Baukunst sind, können wir nun auch endlich auf den eigentlichen Star dieser Folge zu sprechen kommen. Arcella gandalfi hat sich für die Form seiner Schale nämlich einer ganz speziellen Struktur bedient. Statt der flachen Uhrglasschalenform ist die Testa dieser Amöben nämlich eher trichterförmig – oder hat, wenn man sie auf den Kopf dreht die Form eines ganz bekannten Spitzhutes. Eben den des Zauberers Gandalf. Als die Forschungsgruppe um Daniel Lahr die Amöbe 2016 erstmals in mehreren Süßwasserquellen in Brasilien fand, kam ihnen genau diese Assoziation – und da ihnen mit der Erstentdeckung und -veröffentlichung auch die Ehre der Benennung zu teil wurde, können wir nun über die erste Mikrobe sprechen, die nach einem Charakter aus Tolkiens Der Herr der Ringe Epos benannt wurde. Übrigens ist die Mikrobe nicht nur Hut-förmig, sondern auch außergewöhnlich groß. Mit bis zu 80 µm Höhe ist sie fast doppelt so groß wie die meisten anderen Amöben der Gattung Arcella – ein ähnliches Größenverhältnis wie das, was Gandalf zu seinen hoch verehrten Hobbits hat.

So hat unsere heutige Mikrobe also ganz ohne Magie und besondere Fähigkeiten zu einem ganz besonderen Namen gefunden, für dessen Besprechung es kein besseres Datum als diesen 22. September geben könnte. Und ich kann jedem an dieser Stelle nur empfehlen, ebenfalls in die faszinierende Welt einzutauchen, die J. R. R. Tolkien geschaffen hat, die nicht nur voller Abenteuer und Freundschaft, sondern auch voller Weisheiten und Ansichten steckt, die wir uns in solch turbulenten Zeiten durchaus auch immer mal wieder in Erinnerung rufen sollten.

Links & weitere Infos

Arcella

„Arcella gandalfi – Microworld“

News, L.G.I. (2017) Newfound Amoeba Looks Just Like Gandalf the Wizard’s Hat, Live Science.

Féres, J.C. u. a. (2016), Acta Protozoologica, 55(4), S. 221–229.

Mitchell, E.A.D., Charman, D.J. und Warner, B.G. (2008), Biodiversity and Conservation, 17(9), S. 2115–2137.

Tingle, K.E. u. a. (2023), Geobiology, 21(3), S. 290–309.

Tolkien, J.R.R. (2010) Das Silmarillion. 30., Aufl. 2018. Herausgegeben von C. Tolkien. Übersetzt von W. Krege. Stuttgart: Klett-Cotta.

Tolkien, J.R.R. (2024) Der Herr der Ringe. Gesamtausgabe im Schuber, neunte Auflage dieser Ausgabe, 2025. Übersetzt von M. Carroux. Stuttgart: Klett-Cotta (Der Herr der Ringe, 3. Teil).

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Myxococcus xanthus