Halomonas titanicae
Salzliebender Wrackfresser
Wenn ihre diesen Beitrag am Tag seines Erscheinens lest, dann schreiben wir den 14. April 2026. Wir befinden uns bei 41 Grad 43 Minuten 55 Sekunden Nord, 49 Grad 56 Minuten 45 Sekunden West. Um uns: der Nordatlantik. Kilometer weit nichts anderes als tiefblauer Ozean. 4 km unter uns jedoch liegt ein Koloss aus Stahl, 270 m lang, knapp 30 m breit und bei seiner Fertigstellung das größte Schiff der Welt. Das Wrack der RMS Titanic. Dort liegt es fast auf den Tag genau seit 114 Jahren und ist allem ausgesetzt, was das Meer ihm entgegenbringt. Doch bevor wir uns das anschauen, wird es erstmal Zeit für ein bisschen Geschichte. Und ich bereite euch schon darauf vor: es wird ein bisschen dauern, bis wir zur Mikrobe der heutigen Folge kommen.
Der Beginn des 20. Jahrhunderts war eine interessante Zeit für das Reisegeschäft. Durch Auswanderer, Geschäftsreisende, aber auch die Anfänge der Touristik wurden Atlantiküberquerungen auf großen Dampfern, den sogenannten Ocean Linern, zu einem gewinnbringenden Unterfangen. Nicht überraschend ist es also, dass sich die großen Reedereien mit der Größe, Geschwindigkeit oder dem Komfort ihrer Schiffe ständig zu überbieten versuchten. Teil dieses kompetitiven Geschäfts war auch die britische White Star Line, die im Jahre 1908 den Bau dreier Schiffer der Superlative in Auftrag gab. Ihre Namen: Olympic, Britannic und Titanic.
4 Jahre später, am 02. April 1912 läuft dann die RMS Titanic vom Stapel, seine Jungfernfahrt soll es vom südenglischen Southampton bis nach New York führen und knapp 2200 Menschen, davon etwa 900 Besatzungsmitglieder und 1300 Passagierinnen und Passagieren die Überfahrt ermöglichen. Am 10. April 1912 sticht das größte Schiff der Welt dann vom irischen Queenstown aus in See. Der Great Circle Route folgend begibt sich die RMS Titanic auf ihre Fahrt über den zweitgrößten Ozean der Welt. Zunächst läuft alles wie am Schnürchen, das Schiff kommt gut voran und folgt der geplanten Route. So auch in der Nacht vom 14. April 1912, die sich heute zum 114 Mal jährt. Die als unsinkbar geltende RMS Titanic fährt mit 22,5 Knoten, also knapp 42 km/h durch die Nacht. Um etwa 20 Minuten vor Mitternacht entdeckt die Crew einen Eisberg vor dem Schiff. Für Umlenkmanöver ist es zu spät, das Schiff schrammt unter der Wasseroberfläche am Eisberg entlang. Über 90 Meter entstehen vielfache Lecks in der Bordwand, die Titanic beginnt sich mit Wasser zu füllen. Um kurz nach Mitternacht am 15. April 1912 werden Notrufe per Funk abgesetzt und die ersten Passagiere werden in die Rettungsboote gebeten. Viele unterschätzen die Dringlichkeit der Situation und wollen zunächst an Bord bleiben. Die Rettungsboote gehen teils unterbesetzt zu Wasser, einige der Faltboote werden von Deck gespült. Um 2:20 Uhr gehen die Lichter auf der Titanic aus, kurze Zeit später zerbricht das als unsinkbar geltende Schiff in zwei Teile und versinkt in den Tiefen des Meeres. Das Unglück fordert 1500 Todesopfer und wird sich wie kaum ein anderes ins kulturelle Gedächtnis einbrennen. Viele Romane, Sachbücher und Filmproduktionen widmen sich dem Untergang der RMS Titanic und auch heute umgeben noch viele Mythen und Verschwörungserzählungen das Schiff und das, was davon übrig ist.
Womit wir an einem sehr interessanten Punkt angelangt sind: „das, was davon übrig ist“. Nachdem die Wrackteile der RMS Titanic fast 4 km weit in die Tiefe gesunken waren, gruben sie sich am Grunde des Atlantiks in den Meeresboden. Bei Temperaturen um 1 °C, dem 380-fachen des normalen atmosphärischen Drucks und hohen Salzkonzentrationen lag das Wrack über 70 Jahre unentdeckt und unberührt. Erst eine Expedition des amerikanischen Unterwasserarchäologen Robert Ballard konnte das Wrack im Jahre 1985 schließlich verorten. Die Entdeckung löste zahlreiche Untersuchungen zum Zustand des Wracks aus und bedingte auch eine Vielzahl erneuter Aufarbeitungen des Geschehens wie bspw. den berühmten Film von James Cameron, der im Jahre 1997 erschien. Neben vollständig intakten Kronleuchtern, Holzvertäfelungen, Spiegeln und Geschirr fiel Forschenden vor allem eine Sache ins Auge. Überall entlang der Wrackteile hatten sich Rostbärte gebildet, sogenannte Rusticles. Bei Rusticles handelt es sich um ein Kofferwort, also eine Zusammensetzung aus dem englischen Wort Rust, für Rost und Icicles für Eiszapfen. Rusticles beschreiben also mehrere Zentimeter bis wenige Meter lange Zapfen aus Rost bzw. oxidiertem Eisen. Im Zuge einer Expedition zur Erkundung der Titanic im Jahr 1989 wurde ein solches Rusticle entfernt und mit zur Analyse in ein Labor genommen. Über die nächsten Jahre folgten zahlreiche Experimente und Analysen, und über ein solches Experiment wollen wir jetzt noch genauer sprechen.
Ein Team aus Forschenden rund um Antonio Verosa von der Universität in Sevilla wollte der Frage auf den Grund gehen, ob sich Leben an den eindrucksvollen Roststrukturen befand. Dafür strichen sie eine Probe eines solchen Rusticles auf festem Nährmedium aus und warteten. Und tatsächlich schien dort ein kleiner Mikroorganismus sein Unwesen zu treiben. Erste Analysen ergaben, dass es sich dabei um ein salzliebendes Bakterium der Gattung Halomonas handelt. In Anerkennung ihres doch recht ungewöhnlichen Fundortes bekam die Art mit ihrer Erstbeschreibung im Jahre 2010 den vollständigen Namen Halomonas titanicae.
Auf den ersten Blick scheint das Bakterium ein recht normaler Meeresbewohner zu sein. Seine Idealen Wachstumsbedingungen liegen bei neutralem pH, einer Salzkonzentration von 2 bis 8 % und Temperaturen zwischen 30 bis 37 °C. Aber Moment mal, 30 bis 37 °C? Habe ich vorhin nicht geschrieben, dass dort, wo das Wrack der Titanic am Meeresgrund liegt, eher Temperaturen um 1 °C herrschen? Ja, habe ich. Und tatsächlich hat es sich Halomonas titanicae auch dort bequem gemacht. Und ist dafür verantwortlich, dass es das Wrack der Titanic in wenigen Jahrzehnten vielleicht gar nicht mehr gibt.
Halomonas titanicae hat nämlich eine sehr ungewöhnliche Art der Nahrungs- oder besser Energiebeschaffung. Das Bakterium hat nämlich die Fähigkeit Eisen als Energiequelle zu nutzen. Im chemischen Prozess der Oxidation kann das Bakterium sich somit Elektronen und damit Energie zum Überleben beschaffen. Dafür sind eisenhaltige Metalloberflächen der ideale Ort. Stück für Stück oxidiert Halomonas titanicae also das Eisen aus dem Stahl, der die Titanic geformt hat – und macht dabei den ganz charakteristischen Rost. Dieser lagert sich dort an, wo die Bakterien leben und Millimeter für Millimeter wachsen so die Rusticles an. Mit ihrer porösen Oberfläche bieten sie die idealen Anlagerungsbedingungen für weitere Vertreter der Spezies Halomonas titanicae. Mit Wasserkanälen und unterschiedlichsten winzigen Nischen wachsen die Rostbärte in die Länge, wie eine kleine mikrobielle Stadt. Durch ihren Eisenkonsum fressen die Bakterien nun seit 114 Jahren an dem Stahlkoloss, der einmal die RMS Titanic war. Erste Schätzungen nach der Entdeckung der kleinen Eisenfresser ergaben, dass bereits im Jahre 2030 vom Wrack der Titanic nicht mehr als ein bisschen Rost übrig sein könnte. Ganz so schnell wird es aktuelleren Erkenntnissen zur Folge wohl nicht gehen. Weitere 114 Jahre wird das Wrack aber nicht mehr am Meeresgrund zu erkunden sein. Somit ist die Geschichte der Titanic und die von Halomonas titanicae eine Geschichte davon, wie auch 40.000 Tonnen Stahl Teil eines einfachen biologischen Kreislaufes werden.
Die sogenannte Biokorrosion, also die Zersetzung von Metallen durch Mikroben, ist allerdings nicht nur ein Prozess, der das Wrack der Titanic verschwinden lässt. Tatsächlich steckt darin großes Potential für Wissenschaft und Technologie, so dass wir von Halomonas titanicae wohl noch viel lernen können.
In diesem Podcast habt ihr ja inzwischen schon einige Male das Wort Bioremediation gehört. Das beschreibt den Einsatz von Organismen in der Umwelt, um Verunreinigungen zu entfernen, Schadstoffbelastungen zu reduzieren und Renaturierungsmaßnahmen zu unterstützen. Mit seiner beeindruckenden Fähigkeit, Eisen zu oxidieren und komplexe Biofilme, also bakterielle Gemeinschaften, auf Stahloberflächen zu bilden, könnte Halomonas titanicae künftig helfen, den kontrollierten Abbau mariner Altlasten wie Schiffswracks, Plattformresten und weiteren Schrotts zu beschleunigen. Gleichzeitig wird aber auch deutlich, wie groß die Herausforderungen für moderne Infrastruktur sind. Biokorrosion gefährdet Brücken, Schiffe, und Pipelines, denn überall, wo Mikroorganismen mit Metall in Kontakt kommen, können sie potenziell Schaden anrichten. Je mehr wir also von Halomonas titanicae darüber lernen, wie der Prozess der Biokorrosion von statten geht, desto besser können neue Materialien davor geschützt werden.
Bei unserem heutigen Tauchgang konnten wir uns also nicht nur den sagenumwobenen Untergang der „unsinkbaren“ RMS Titanic genauer ansehen, wir konnten auch die Mikrobe kennenlernen, die den Stahlkoloss am Meeresgrund langsam, aber sicher zersetzt. Halomonas titanicae zeigt, wie auch modernste Ingenieurskunst den gleichen biologischen Grundprinzipien unterliegt, wie alle anderen Materialien auf dem Planeten und durch Zerfall in die gleichen Stoffkreisläufe zurückgeführt wird. Vielleicht erinnert uns das daran, dass wir nicht über, sondern mitten in diesem System stehen und unweigerlich ein Teil davon sind.
Links & weitere Infos
Allgemeines zur Titanic und ihrem Untergang
Datenblatt Titanic « Deutscher Titanic-Verein von 1997 e.V. (Aufgerufen: 13 April 2026).
‘History of RMS Titanic - Woods Hole Oceanographic Institution’ (Aufgerufen: 13 April 2026).
Ballard, R.D. and Archbold, R. (1988) The discovery of the Titanic. Reprinted. London: Hodder, Stoughton.
Entdeckung von Halomonas titanicae
Sánchez-Porro, C. et al. (2010), Int. J. Syst. Evol. Microbiol., 60(12), pp. 2768–2774.
Salazar, M. and Little, B. (2017), J. Marit. Archaeol., 12(1), pp. 25–32.
Biokorrosion der RMS Titanic
Johnston, R.C.& L. (2003) ‘Biodeterioration of the RMS Titanic’, Encyclopedia Titanica (Aufgerufen: 13 April 2026).
Lu, S. et al. (2025), J. Mater. Sci. Technol., 224, pp. 257–266.