Myxococcus llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogochensis

Eine kurze Folge über einen langen Speziesnamen

Am 21. Dezember ist Wintersonnenwende und das heißt, die längste Nacht des Jahres nähert sich in großen Schritten. Und das, was ihr gerade gelesen habt, war tatsächlich der Name eines Mikroorganismus – und zwar einer der längsten jemals vergebenen Namen für eine Spezies. Aber lasst uns am Anfang anfangen.

Dafür schauen wir in den Nordwesten von Wales und finden eine kleine Stadt auf der Insel Anglesey, die es trotz der beschaulichen Einwohnerschaft von nur knapp 3,000 Menschen zu Internetberühmtheit geschafft hat. Das liegt vor allem an ihrem Namen, denn wir sprechen hier von Llanfair­pwllgwyngyll­gogery­chwyrn­drobwll­llan­tysilio­gogo­goch. Wettersprecher Liam Dutton ging viral, weil er diesen Namen nicht nur fehlerfrei, sondern ohne dabei auch nur mit der Wimper zu zucken aussprach.

Mit 58 Zeichen und 18 Silben ist der Name des nordwalischen Örtchens der längste Städtename in Europa.  Übrigens sage ich bewusst Zeichen, denn Buchstaben enthält der Name nach walisischer Zählung nur 51, da ll und ch beispielsweise zusammengefasst werden und nur als ein Buchstabe zählen. Weltweit hat es Llanfair­pwll nur auf den zweiten Platz geschafft, wenn es um Namenslänge geht. Hier liegt Taumatawhakatangi­hangakoauauotamatea­turipukakapikimaungahoronukupokaiwhen­uakitanatahu vorne, die Maori-Bezeichnung eines Hügels in Neuseeland, die mit 85 Zeichen nochmal ein ganzes Stück länger ist.

Ähnlich wie bei den Mikroben, die ich sonst im Podcast behandle, hat auch Llanfair­pwll einen sehr bezeichnenden Namen. Ursprünglich lag dort, wo sich heute eine kleine Stadt befindet, nämlich eine mittelalterliche Siedlung mit dem Namen Pwllgwyngyll, der sich zu „Mulde“ oder „Teich der weißen Haseln“ übersetzen lässt. In der Mitte des 16. Jahrhunderts erfährt der Name dann eine erste Veränderung zu Llanfair y Pwllgwyngyll, wobei Llanfair die Bezeichnung der Marienkirche des Ortes ist. Wir sind also jetzt bei „Marienkirche der Mulde der weißen Haseln“ angelangt. Doch das ist bei weitem ja noch nicht der Zungenbrecher, den ihr am Anfang der Folge gehört habt. Bei der Langform des Namens handelt es sich nämlich um etwas, das sich am ehesten als Werbegag bezeichnen lässt.  Im Jahre 1869 denkt sich ein namentlich nicht bekannter Schneider den Namen aus, um die Stadt bekannter zu machen und die Eisenbahngesellschaft dazu zu bewegen, einen Bahnhof in der Stadt zu errichten. Damit war er erstaunlicherweise erfolgreich und auch heute ist der Bahnhof der Stadt eine der Hauptattraktionen für die etwa 200,000 Touristen, die Llanfairpwll jährlich besuchen. Viele machen sich einen großen Spaß daraus, am endlos langen Schild mit der vollen Bezeichnung von Llanfair­pwllgwyngyll­gogery­chwyrn­drobwll­llan­tysilio­gogo­goch entlang zu gehen. Dieser Name ist aber auch nicht mehr als eine Ortsbeschreibung mit ein paar zusätzlichen Hinweisen und bedeutet übersetzt etwa „Marienkirche (Llanfair) in einer Mulde (pwll) weißer Haseln (gwyn gyll) in der Nähe (goger) des schnellen Wirbels (y chwyrn drobwll) und der St. Tysilio Kirche (llantysilio) bei der roten Höhle (gogo goch).“

Neben vielen Touristen zog es allerdings auch andere Menschen in den Ort. Darunter eben auch Wissenschaftler, die im Jahre 2020 eine neue Bakterienart aus in der Nähe der Stadt gesammelter Erde isolieren konnten. Um den Gattungsnamen Myxococcus gab es wenig zu diskutieren, den Artnamen konnten sie allerdings selbst wählen und entschieden sich deshalb den Organismus Myxococcus llanfair­pwllgwyngyll­gogery­chwyrn­drobwll­llan­tysilio­gogo­gochensis zu nennen. Kurzzeitig stand der Name stark in der Kritik. Im internationalen Code der Nomenklatur der Prokaryoten (ICPN) ist nämlich eigentlich festgelegt, dass auf lange oder schwierig auszusprechende Speziesnamen zu verzichten ist – etwas was auf Myxococcus llanfair­pwll zweifelsohne beides zutrifft. Der ICPN enthält übrigens einen ganzen Katalog an Regeln, um die Benennung neuer Spezies zu vereinheitlichen und auch einige amüsante Beispiele, dazu gibt es vielleicht mal eine gesonderte Folge. Was Myxococcus llanfair­pwll angeht, griff, bevor der Name geändert werden konnte, eine andere Regel. Mit der Veröffentlichung der Forschungsergebnisse und des Namens im durch Fachleute geprüften International Journal of Systematic and Evolutionary Microbiology im Jahre 2021 wurde der Name validiert und ist jetzt offiziell anerkannt. Jetzt wollen wir aber uns aber auch einmal kurz mit diesem Mikroorganismus beschäftigen, der diesen unaussprechlichen Namen trägt.

In der Folge über Vampirovibrio chlorellavorus habe ich schon kurz die Gattung der Myxobakterien gesprochen, zu denen auch Myxococcus gehört. Dabei handelt es sich um Bodenbakterien, deren primäre Nahrungsquelle andere Bakterien sind, sie führen also einen räuberischen Lebensstil. Hierfür arbeiten gerade die Myxobakterien auf besondere Art und Weise zusammen und sind genau deshalb auch ein guter Modellorganismus für die Untersuchung von multizellulärem Verhalten in eigentlich einzelligen Bakterien. Myxobakterien werden nämlich oft als Wolfsrudel der mikrobiellen Welt bezeichnet. Zellen von Myxococcus-Arten können über Botenstoffe, die sie sich hin und herschicken kommunizieren und sich in Zeiten von Nahrungsmangel zu großen Gebilden zusammenfinden. In ihrer multizellulären Form sind sie in eine Art Schleim eingebettet – dafür steht auch das myxa in ihrem Namen. Wenn sie auf ihre Jagd gehen, sondern Myxokokken dann Antibiotika und hydrolytische Enzyme in die Umgebung ab, die dafür sorgen, dass Zellen in der Umgebung abgetötet und aufgelöst werden. Von den so freigesetzten Nährstoffen kann sich dann Myxococcus ernähren. Manchmal trifft es bei dieser Art der Nahrungsbeschaffung aber auch Individuen der eigenen Art, die durch gezielte Giftstoffinjektion getötet werden – ganz schön brutal also.

Gerade die hohe Kunst der Zusammenarbeit macht Myxococcus zu einem sehr spannenden Forschungsobjekt. Somit ist es auch kein Wunder, dass eine eng mit Myxococcus llanfairpwll verwandte Art einen Preis abgeräumt hat, über den wir hier im Podcast auch schon ein paar Mal gesprochen haben. Im Jahre 2020 wurde nämlich Myxococcus xanthus durch die VAAM zur Mikrobe des Jahres gekürt.

Sein Artverwandter Myxococcus llanfair­pwllgwyngyll­gogery­chwyrn­drobwll­llan­tysilio­gogo­gochensis hat aber nicht weniger Rampenlicht verdient und sei es nur wegen des einzigartigen Namens, der diesen Mikrobenpodcast heute auf geographische Abwege geführt hat. Übrigens folgt in der Liste der langen Speziesnamen noch ein weiter mikrobieller Kandidat. Um Alkalihalobacterium alkalicellulosilyticum soll es aber in einer anderen Folge gehen. Ich hoffe, Myxococcus llanfairpwll bringt euch gut durch die längste Nacht des Jahres, vielleicht verbringt ihr sie ja damit, die Aussprache des vollen Namens zu üben, um damit Freunde und Familie beeindrucken zu können.

Links & weitere Infos

Erstbeschreibung von Myxococcus llanfairpwll

Validierung des Artnamens nach Internationalem Code der Nomenklatur der Prokaryoten 

Räuberisches „Wolfsrudel“-Verhalten und Kooperation bei Myxobakterien 

International Code of Nomenclature of Prokaryotes (ICNP)

Infos zu Llanfairpwll

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